Im Boot ohne Paddel – Großbritanniens politische Klasse versagt beim Brexit

Wohin steuert das Königreich? Foto: INFORMER

Sechs Wochen vor dem Brexit suchen immer mehr Unternehmen sichereStandorte in der EU, 42 allein in den Niederlanden. Die britische Kirche bereitet sich auf Ernährungsengpässe vor, private Haushalte hamstern Lebensmittel und Medikamente. VON RICHARD KIESSLER

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle sieht bei einem harten Brexit 100 000 deutsche Arbeitsplätze gefährdet. Und Erben oder Immobilienbesitzer drohen nach dem Verlust von Steuererleichterungen viel Geld zu verlieren. 

Derweil sucht Theresa May am kommenden Mittwoch im Unterhaus abermals eine Mehrheit für einen geordneten Rückzug zu finden. Doch die Premierministerin ist längst zu einer tragischen Figur geworden, die das (noch) Vereinigte Königreich ohne Kompass steuert. „Die Regierung sitzt in einem Boot ohne Paddel“,  schreibt der „Guardian“. Den Mut für einen Rückzug bringt sie nicht auf. Nach der Schmach eines gescheiterten Putschversuches und eines Misstrauensantrages der ebenfalls zerstrittenen Opposition fehlt ihr auch die Courage zum Rücktritt oder gar zu Neuwahlen.

Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für den INFORMER.
Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für das Redaktionsnetzwerk Informer. Foto: INFORMER

Für die verbiesterten Brexetees, die die Fliehkräfte organisiert haben und am liebsten einen „No deal“ anstreben, spekuliert EU-Ratspräsident Donald Tusk  gewollt undiplomatisch über deren „besonderen Platz in der Hölle.“ In Dantes „Inferno“ ist dieser Platz im „achten Kreis“ der Hölle für Verführer, Heuchler und falsche Ratgeber reserviert. Am ehesten würden die einstigen Etonboys David Cameron, Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg diesen Anspruch einlösen. Für den harten Kern  vornehmlich englischer rechtskonservativer Politiker war seit jeher jede Annäherung an das Friedensprojekt eines gemeinsamen Europas ein Unding. Diese abgehobene Elite klammert sich  unbeirrt an die vermeintliche Außergewöhnlichkeit der Briten und an die nationale Souveränität als stolzem Gut. Doch trotz der schrillen Schützenhilfe einer offen rassistischen und fremdenfeindlichen Presse entspricht diese exzentrische Europa-Phobie keineswegs der Mehrheitsmeinung der Inselbewohner, die 2016 beim Referendum zu 48% für ein „Remain“ votierten. Die Krise der politischen Klasse hat jedoch  längst ein Ausmaß erreicht, das man den einst pragmatischen, wenn auch mitunter skurrilen Briten nicht zugetraut hätte. So nutzten die Extremen innerhalb der politischen Klasse in ihrer Machtversessenheit nach dem hauchdünnen Sieg der „Leave“-Mehrheit, um ihrer Retro-Utopie einer verflossenen Weltgeltung des Vereinigten Königreiches mit dreisten Lügen und falschen Verheißungen nachzujagen. Diese gefühlige Sehnsucht nach imperialer Größe und grenzenlosem Freihandel mündet in einen gefährlichen Mix aus selbstgerechtem Nationalismus und Misstrauen gegenüber allem Fremden. 

Der britische Schriftsteller Jonathan Coe bringt dieses Versagen der politischen Elite auf den Punkt: „Unter den vielen katastrophalen Mängeln, die Großbritannien … in die Knie gezwungen haben, ist der Mangel an Führung wahrscheinlich der schlimmste.“

Diesen Beitrag teilen

Mehr aus

Keine Inhalte gefunden

  • Vergewissern Sie sich, dass alle Wörter richtig geschrieben sind
  • Probieren Sie andere Suchbegriffe.