Trump verstärkt das Feindbild – Entfremdung zwischen Deutschland und Amerika auf Rekordniveau

Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für den INFORMER.
Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für das Redaktionsnetzwerk Informer. Foto: INFORMER

Der anhaltende Streit der Deutschen mit der Regierung Trump wird längst auf offener Bühne ausgefochten und vertieft die stetig wachsende Entfremdung: 86 % der Deutschen bewerten das deutsch-amerikanische Verhältnis als negativ oder sehr negativ.

Dieser vom Civey-Institute für die Atlantik-Brücke repräsentativ ermittelte Ansehensverlust wurden nicht einmal auf dem bisherigen Tiefpunkt der  Beziehungen erreicht, als Präsident George W. Bush 2003 den verhängnisvollen Feldzug gegen den Irak vom Zaun brach.

Mit seiner destruktiven Wutrede auf der Münchner Sicherheitskonferenz vertiefte US-Vizepräsident Mike Pencedie Kluft: Sein aggressiver Nationalismus mündet in diebarsche Forderung nach bedingungsloser Gefolgschaft der europäischen Bündnispartner, denen er bei Befehlsverweigerung die vertragliche Pflicht zummilitärischen Beistand im Konfliktfall zu entziehen droht. Da mag auch der Zuspruch des einstigen Vizepräsidenten Joe Biden nur wenig Trost bringen: „Ich verspreche Ihnen“, so der mögliche Präsidentschaftskandidat der Demokraten am Wochenende in München, „auch das geht vorbei.“ Doch die Zweifel bleiben, ob die „America First“-Strategie des unbeherrschten Trump wirklich einen Umkehrschub erfahren wird, wenn dieser einmal Geschichte ist. Vorerst überwiegen in dieser gefährlichen Welt voller neuer Krisen und wieder aufbrechender Konflikte die Befürchtungen: 49 % der Deutschen jedenfalls (und mit ihnen eine gleiche Zahl der Franzosen) sehen in der gebieterischen Einflussnahme der USA eine Bedrohung, ermittelte das Pew Research Center in Washington. Nur 30 % fühlen sich hingegen von Russland bedroht, fast 42, 3 % gar halten China für einen besseren Partner als die USA. Man mag diesen Befund für naiv halten. Oder aber als Wunsch nach einer größeren Eigenständigkeit Europas interpretieren. Tatsächlich zeigen sich 56 % der Bundesbürger in einer Forsa-Umfrage überzeugt, dass Europa auch ohne den Beistand der USA für seine Sicherheit sorgen kann. Zugleich lehnen allerdings  52 % eine Aufstockung der Rüstungsausgaben auf das Nato-Ziel von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung ab.

Am augenfälligsten wird die Distanz bei der europäisch-russischen Ostseepipeline Nordstream 2: Hier halten 73 % der Deutschen die zweite Pipeline für richtig, nur 16 % plädieren für einen Verzicht. Damit unterscheidet sich die öffentliche Meinung eklatant von etlichen Strömungen etlicher Medien. Ausschlaggebend sind die erpresserischen Strafandrohungen des US-Botschafters in Berlin für beteiligte deutsche Unternehmen, gegen die sich 91 % der Befragten zurechtverwahren. Und ebenso viele durchschauen Trumps Eigeninteresse, mit seinem Widerstand gegen Nordstream 2 den Verkauf amerikanischen Flüssiggases promoten zu wollen.

Ungeachtet der verschärften transatlantischen Tonlage kletterten die Exporte der deutschen Wirtschaft in die USA trotz Trump’scher Strafzölle auf Rekordniveau: Mit keinem anderen Land erreichte Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes  mit 49 Milliarden Euro im Jahre  2018 einen so hohen Exportüberschuss wie mit den USA.

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